Kann es sein, dass „Frausein“ ein politischer Akt ist?

 

Am 3. Juni 2019 wurde ein Interview zum Thema Klimaschutz mit Ex-Umweltminister Klaus Töpfer in der Memminger Zeitung veröffentlicht.
Auf die Frage: „Müssen wir uns vom Wachstum verabschieden?“ gab er folgende Antwort:

„Wir sehen doch jährlich, wie wunderbar Wachstum ist, im Kreislauf der Natur. Jetzt wachsen die Pflanzen wieder, im Herbst wird geerntet, im Winter ruht die Natur aus. Danach setzt das Wachstum wieder ein – der Kreislauf ist geschlossen. Eine solche Kreislaufwirtschaft, die nicht die Substanz vermindert, sondern nutzt – diese ist erforderlich für eine Welt mit bald neun Milliarden Menschen. Nur ein solches nachhaltiges Wachstum ist eine Antwort auf das Wachstum der Weltbevölkerung. Als ich geboren wurde, lebten auf der Welt 2,6 Milliarden Menschen. Jetzt sind es 7,6 Milliarden und bald neun Milliarden Menschen. Sie alle wollen ein menschenwürdiges Leben führen, wollen mit gesunder Nahrung satt werden, brauchen sauberes Trinkwasser, wollen Lebensraum und Perspektiven für ihre Kinder. Alles das, was uns in den „hoch entwickelten Ländern“ eine Selbstverständlichkeit geworden ist, wird global angestrebt. Mit linearem Wachstum, mit der Abwälzung von Kosten dieses Wachstums auf die Zukunft ist dies nicht zu bewältigen. Die Wegwerfgesellschaft hat keine Zukunft, sie zerstört sich selbst.“

Doch wie sollen wir als Gesellschaft diese „natürliche Kreislaufwirtschaft“ von der Herr Töpfer spricht zu unserer Realität werden lassen, wenn wir als Menschen diese Kreisläufe überhaupt nicht leben?

Könnte die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ein Schlüssel dazu sein?

Und um das näher zu beleuchten, schlage ich etwas vor, was gerade in der heutigen Zeit besonders rückständig klingt, nämlich:

„Männer und Frauen sind unterschiedlich.“

Nach all dem, was die letzten paar tausend Jahren an Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern passiert ist, scheint es auf den ersten Blick die einfachere Lösung zu sein, wenn wir behaupten, dass Frauen und Männer gar nicht so unterschiedlich sind. Diese These hat Frauen immerhin ermöglicht vom Status des Menschen zweiter Klasse aufzusteigen. Dass Frauen in westlichen Industrienationen inzwischen einer bezahlten Arbeit nachgehen können, ohne einen Mann dafür um Erlaubnis fragen zu müssen, hat definitiv das Gefühl der Gleichwertigkeit zwischen den Geschlechtern mehr zur Normalität werden lassen.

Und natürlich sind viele der Aspekte, die wir als „typisch Mann“ oder „typisch Frau“ bezeichnen, kulturell erlernt und dadurch austauschbar.
Doch eine Tatsache ist nicht erlernt, und zwar die, dass wir unterschiedliche Körper sind. Die Lebenserfahrungen, die wir in diesen Körpern machen sind verschieden. Kann in genau dieser Diversität der wahre Reichtum liegen? Die Natur macht es uns vor. Die Gesellschaften mit der höchsten Biodiversität sind am langlebigsten.

Und nachdem bis jetzt meist der männliche Körper als das Nonplusultra gesehen wurde – sei es in der medizinischen Forschung oder auch in der Art und Weise wie wir den Arbeitsalltag gestalten – ist es an der Zeit, die zwar unterschiedlichen, aber dennoch gleichwertigen Vorgänge im weiblichen Körper näher zu beleuchten und offen zu leben.

Die Hälfte der Menschheit hat eine Gebärmutter, welche sie – vereinfacht gesagt – mit einem völlig einzigartigen Hormoncocktail beschenkt. Und dies bedeutet dass sich die Fähigkeiten, Empfindungen und Wahrnehmungen von Frauen innerhalb eines Zyklus sehr stark verändern.
Da wir aber alle aus einer Gesellschaft kommen, die das Lineare anbetet und das sich Verändernde verabscheut, tun wir Frauen alles Erdenkliche um unsere zyklische Natur zu kontrollieren.
Zu lange wurde Frauen ihre Veränderlichkeit als Schwäche ausgelegt, so dass sie bis heute viel von ihrer Wildnatur unterdrücken, um zu beweisen, dass sie mindestens genauso kompetent sind wie Männer.

Während wirklich alles Leben um uns herum sich als zyklisch darstellt, versuchen wir, die „Krone der Schöpfung“ genau das zu ignorieren. Ist es ein Zufall, dass genau unsere Spezies gerade dabei ist ihren eigenen Lebensraum zu zerstören?

Seit ungefähr vier Jahren beschäftige ich mich mit dem weiblichen Zyklus, was letztes Jahr in die sieben-monatige Ausbildung zum „Menstruality Mentor“ bei der Red School mündete. Alexandra Pope und Sjanie Hugo Wurlitzer betonten dabei immer wieder, dass wir die Ausbildung eigentlich bei uns selbst machen würden. Sie halfen uns all die ignorierten und verschütteten Aspekte des Frauseins zu erspüren, zu erkennen und Schritt für Schritt zu integrieren. Ganz langsam konnte ich dadurch mein eigenes weibliches Territorium zurückerobern. Die Erfahrung einen weiblichen zyklischen Körper zu bewohnen, veränderte alles. So viele Menschen spalten Aspekte ihrer Körperlichkeit ab, was sich wiederum ganz klar darin zeigt, wie wir unseren Planeten behandeln. Die Erde ist genau wie unser Körper ein atmendes, sich immer wieder erneuerndes Wesen.

Bevor ich meinen eigenen Zyklus beobachtete, lebte ich ein Leben wie wahrscheinlich viele Frauen unserer Zeit. Ich funktionierte. Und da ich während der Menstruation selten Schmerzen erlebte, ackerte ich meine ganzen Monate einfach so durch. Dank einer einigermaßen gesunden Lebensweise ging es mir ok und weil es keine Vergleiche gab, dachte ich, dass es so sein muss.
Wenn ich mich erschöpft fühlte, versuchte ich trotzdem weiter zu machen. Ruhte ich mich dann doch mal untertags aus, wurde ich von einem schlechten Gewissen geplagt, das mir einredete ich sei faul und würde es zu nichts bringen.

Da mich das Thema Frausein aber schon seit Jahren beschäftigte, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich Lektüre über den Menstruationszyklus in Händen hielt. Ich begann mich selbst genauer zu beobachten und erkannte Muster, die sich wiederholten. Den ersten großen Aha-Moment erlebte ich, nachdem ich mir während der Menstruation für ein paar Monate lang bewusst etwas mehr Pausen gönnte. In anderen Phasen meines Zyklus erwachte eine völlig neue Kreativität und Schaffenskraft, die ich so noch nicht kannte. Aufgaben, die ich früher während meiner Menstruation mühevoll und mit innerem Widerstand erledigt hätte, gingen in anderen Phasen leicht und schnell von der Hand.

Mit der Zeit kam durch das Beobachten dann auch eine Feinfühligkeit zum Vorschein, von der ich nicht wusste, dass ich sie habe. Natürlich hatte ich auch vorher mal verletzliche Momente, doch habe ich sie zum einen niemals mit meinem inneren Rhythmen in Verbindung gebracht und zum anderen als schwach verurteilt.
Inzwischen weiß ich, dass ich z.B. in der Phase kurz nach der Menstruation sehr unsicher sein kann. Und in der Phase vor der Menstruation fühle ich mich manchmal sehr dünnhäutig und mit dem Gefühl wirklich den ganzen Schmerz der Welt zu spüren. Früher habe ich versucht solche Gefühle zu verdrängen. Inzwischen weiß ich, dass diese Phase sehr viel Klarheit schenkt und beim Aussortieren und „Wahrhaftigbleiben“ hilft. Meine Menstruation lädt mich dann jeden Monat aufs Neue ein, loszulassen. Im Außen kann das eine Zeit der Zurückgezogenheit und Stille sein, im Innen passiert dadurch sehr viel. Frauen tanken hier auf. Hier bekommen wir jeden Monat aufs Neue eine Ahnung von unserer wahren Natur, unserer Wild Power, wie meine Mentorinnen der Red School es nennen. Wenn wir es zulassen hier weniger oder nichts zu tun, erleben wir ganz tief ein Gefühl der Verbundenheit und der Zugehörigkeit. Wer einmal davon gekostet hat, sieht das Leben anders. Ein Gefühl, dass nicht mental erfassbar ist, sondern tief aus den Knochen kommt. Eine tiefe spürbare Liebe zu mir selbst, zu den Lebensrhythmen und zur Erde.

Wenn wir auf diese einzigartige zyklische Natur eingehen und sie nicht pathologisieren, dann kann sie ein politisches Instrument werden. Ein kraftvolles Gegenmittel zur törichten Obsession des immer weitergehenden leeren Wachstums. Eine verkörperte Rebellion gegen die Art und Weise wie wir unsere Körper und weit darüber hinaus unsere Erde unterdrückt haben. Wenn unsere Aktionen im Außen aus der Ruhe entstehen und Zeit haben zu reifen, dann handeln wir nachhaltig. Genau das lehrt uns der weibliche Zyklus.

Ich denke es ist an der Zeit, den Reichtum und die Weisheit, die im weiblichen Körper wohnt, anzuerkennen und davon zu lernen. Und ich denke auch, dass unsere oftmals sehr ausgebrannten Männer davon profitieren können, sich mit uns Frauen auf ein zyklisches Leben einzuschwingen.

2019-06-13T17:31:50+00:00